> Oper Leipzig: Lotte, warum machst du „Das schlaue Füchslein“ an der Oper
< Lotte de Beer: Ich wurde vom Opernhaus gefragt, ob ich es machen möchte! Die haben mich angerufen und gefragt: Lotte, hast du Lust „Das Schlaue Füchslein“ zu machen? Ich war darüber sehr froh, weil schon viele Leute gesagt haben, dass es ein gutes Stück für mich wäre! In Holland ist es unter Opernliebhabern sehr bekannt…
> Viele Leute denken, das „Füchslein“ wäre eine Kinderoper…!?
< Ja, das ist ein Vorurteil, aber ich finde das grundsätzlich falsch. Es stimmt, es ist ein Märchen, aber das heißt nicht, dass es etwas für Kinder ist. Und ich glaube auch, dass es von Janacek nie als ein Kinderstück komponiert worden ist. Wenn man das Stück analysiert, sieht man, dass es um Leben, aber auch um Sterblichkeit, das Altern, midlife crises, auch um Tod und Liebe geht. Es wird ein ganzer Lebenszyklus beschrieben. Das bewegt uns alle, dass sind keine Kinderthemen. Ich glaube auch, wenn man die Musik hört, dann spürt man, dass es unglaublich ernst gemeint ist. Es geht um das wirkliche Leben in Form einer parabelhaften Geschichte.
> Für dich ist dieses Alterswerk Janaceks – er schrieb es 70-jährig – eine Hommage an das Leben. Vielleicht aber auch eine Aussöhnung mit dem Altwerden und dem Tod. Und dies zeigt sich auch in der Natur, die sich zyklisch immer wieder erneuert, wo Sterben zum Leben dazugehört …
< Ein Kreislauf, wo Geburt und Sterben genauso wichtig ist – genau! Wir selbst sind ja nur ein kleines Teilchen von etwas Großem. Und Sterben ist letztlich auch der Anfang von etwas Neuem. Ich glaube, wir können glücklich sein, dass wir ein Teil von diesem Großen sind und darin vielleicht etwas Göttliches liegt. Das ist übrigens auch der Gedanke des Försters im „Füchslein“, wenn er durch den Wald läuft und Blumen und Gräser und Tiere sieht. Dann ist er erstaunt, weil er erahnt: darin liegt das Antlitz Gottes verborgen. Ich bin selbst kein religiöser Mensch, aber ich finde, dass das eine gute Beschreibung von Gott ist.
>Aus dem Sterben, kann auch Neues entstehen?
< Ja! Auch das ist eine Einsicht des Försters. Er hat eine Art midlife crisis und spürt dass die Jugend vorbei ist. Vor ihm liegt das Älterwerden und damit auch der Tod. Er ist zwar noch nicht sehr alt, aber er spürt, dass er es wird. Über das gesamte Stück hinweg, denkt er mit sehr viel Melancholie an die Zeit zurück, als er jung war, noch eine junge Geliebte hatte. Jetzt ist seine Ehe eher säuerlich geworden. Bei Janacek ist die junge Füchsin die Projektionsfläche für Jugend. Bei uns projiziert er das auf die junge Krankenschwester Terynka, die am Anfang des Stückes sagt: „Wir haben eine schöne Affäre gehabt, aber jetzt bist du mir zu alt! Ich gehe meinen eigenen Weg.“ – Und er merkt, dass das wahrscheinlich das letzte Mal gewesen ist, dass er Jugendlichkeit oder jugendliche Liebe gespürt hat. Er befindet sich deshalb in einer Art Trauer um seine Jugend und die Leidenschaften der jungen Liebe. Der Förster wird sehen, wie sich Fuchs und Füchsin lieben und auch ihr Sterben wird er mit ansehen müssen. Ganz am Ende ist der Wald ganz verschwunden. Der Förster sieht den Leichnam der Füchsin, und in der Konfrontation mit dem Tod wird er seine eigene Vergänglichkeit, seine Sterblichkeit akzeptieren lernen.
> Wenn man Fuchs und Füchsin ansieht, dann ist die Oper auch ein Märchen über Liebe?
< Ja und eins, an dass wir – denke ich – glauben möchten! Die Liebesszenen zwischen Fuchs und Füchsin sind mir sehr wichtig. Sie haben 2 oder 3 Liebesszenen, die ihr ganzes (Liebes-)Leben zeigen. Es beginnt beim Kennen lernen in der Jungend. Sie sehen sich zum ersten Mal und verlieben sich ineinander. Und gleich sagt er: „Es ist nicht dein Körper den ich liebe, es ist deine Seele!“ Das erhofft man sich natürlich, dass jemand so etwas zu einem sagt oder es so meint beim ersten Date. Man kann es dann aber meist nicht richtig glauben. Dann aber sehen wir sie viel später. Sie haben schon viele Kinder großgezogen und sie sind alt geworden. Und der Fuchs sagt: „Du, Alte. Wie viele Kinder haben wir? Du bist noch immer so schön, du bist noch immer die Schönste für mich.“ Weil sie schon so alt sind, bekommt so eine Aussage ein ganz anderes Gewicht, wir dürfen dem Gesagten glauben. Das gibt Hoffnung, dass eine solch tief empfundene Liebe wirklich möglich ist, dass es sie wirklich gibt.
Im 2. Teil lesen Sie Genaueres über Lotte de Beers persönliche Inspiration für „Das Schlaue Füchlein“, wie junge Sänger alt aussehen und was die Regisseurin als Nächstes macht.