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Liebes–Händel und Elch-Test

blogging//opera Kolumne: Chefdramaturgin Bettina Bartz über Liebe, Triebe und anderes Getier.

Haben Sie sich auch schon gefragt, wieso auf dem Foto von einer Mozart-Oper Elche auftauchen? Unser Blog-Wart Phillipp, immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Bühnenalltag, hat mich danach gefragt. Und da ich als Chefdramaturgin zwar nicht alles essen darf, aber alles wissen muss, folgt hier nun die vielleicht ganz überflüssige, auf jeden Fall aber ganz ausführliche Erklärung:

Mensch Elch, du triebhaftes Getier! Così fan tutte von Chefregisseur Peter Konwitschny an der Oper Leipzig.

Die Intrige, die sich Mozarts Librettist Lorenzo Da Ponte 1790 ausgedacht hat, stellt die Treue junger Menschen auf eine harte Probe.

Wenn ein Auto auf harte Proben gestellt wird, nennen wir das heutzutage einen „Elchtest“. Daher könnte mancher auf die Idee kommen, die beiden Elche, die in der ersten Szene der „Così fan tutte“ – Inszenierung mit am Cafèhaustisch sitzen, hätten damit etwas zu tun. Schließlich bildet ja auch das Thema des Stückes eine Art Härtetest. Zwei junge Männer wetten auf die Treue ihrer Frauen. Aber was sie anfangs nicht wissen: der Test wird an lebendigem Leibe durchgeführt und zwar an ihrem eigenen ebenso wie an dem ihrer Frauen. Im Laufe des Stückes kommen sie alle vier ganz schön ins Schlingern.

Trotzdem bleibt das Stück auch immer eine Komödie und vor allem ein Gedanken-Experiment. Denn niemand wird ernsthaft glauben, dass zwei Frauen ihre Männern nicht wiedererkennen, bloß weil die sich falsche Bärte angeklebt und einen Turban aufgesetzt haben. Höchstens der Textdichter der „Zauberflöte“, der diese hochberühmte Mozartoper mit Bemerkungen wie „Ein Weib tut wenig, plaudert viel“ oder „Bewahret euch vor Weibertücken“ gespickt hat, der könnte alle Frauen für so blind und dämlich gehalten haben. Da Ponte, der erwiesenermaßen kein Frauenverächter war und Mozart selber, dessen Musik uns so stark emotional berührt, trauen wir so primitive Frauenfeindlichkeit nicht zu.

Peter Konwitschny und sein Team haben in dieser Inszenierung deshalb von Anfang an ästhetische Mittel eingesetzt, um die Kunsthaftigkeit des Experiments zu betonen. Das Bühnenbild arbeitet mit Montagen aus Foto und Malerei und die Kostüme haben aufgemalte Knöpfe und Epauletten. In der Ouvertüre verulkt ein Schilderballett den Titel „Così fan tutte“: So machen es alle Frauen, aber auch Männer – der Streit eskaliert, aus Frauen und Männern werden Zicken und Schweine, was immer noch nicht albern genug klingt und es blödelt sich weiter über Radiergummis, KrokodilInnen und Mehrwegflaschen zu Gedankendingwörtern, was immer das sein mag… Und dann geht der Vorhang auf, wir sehen ein Cafè, in dem drei Männer sitzen, sie stimmen die bekannten Mozartmelodien an und führen uns ein in die abendfüllende Intrige. Es geht um Liebe. Und daher, wie zufällig, sitzt am Nachbarstisch ein Liebespaar: zwei Menschen mit Elchköpfen, ein Symbol für die Sehnsucht nach reiner Zuneigung und natürlicher, wahrer Liebe, wie sie in uns allen schlummert. Es hätte auch ein turtelndes Tauben-Pärchen, eine Schwanenfamilie oder zwei uralte treue Schildkröten sein können, die uns das Herz erwärmen. Nun, diesmal sind es Elche, aus allen möglichen Gründen. Zum einen ging die Inszenierung nach Schweden, wo Elche zum Landstraßenalltag gehören. Zum zweiten passten Elche am besten vom Größenverhältnis. Zum dritten sind Statisten mit Elchköpfen klar erkennbar als surreale Zutat, und da den Zuschauer im Laufe des Abends noch viele surreale Bilder erwarten, tut es gut, schon mal zu Anfang den Schalter auf Fantasie umzulegen. Ich könnte noch mehr Gründe aufzählen, aber ich kürze ab und komme zum letzten: Diese Idee kann einfach niemand kritisieren, denn es gilt ein Satz des satirischen Dichters Robert Gernhardt, den er oder der Karikaturist F.W. Bernstein erfunden hat: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

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