Es quietscht und hat etwas mit Oper zu tun. Was ist das?
Diese Woche zwitschert Dramaturgin Katrin Böhnisch munter über allerlei Geflügel. An alle LeserInnen: Viel Spaß beim Überfliegen!
Ist es vielleicht Sand im Getriebe der Drehscheibe? Falsch!
Allzu ambitioniertes Stimmbandtraining diverser Vokalkünstler…? Könnte sein, aber falsch!
Eine überdimensionale Gummiente, die in unserer nächsten Premiere „Die arabische Prinzessin“ die Bühne der Oper Leipzig bebrütet? Richtig! Woher wissen Sie das?
Was hat es mit diesem Watschelfuß auf sich? Als Dramaturgin der Oper Leipzig bin ich immer auf der Suche nach dem berühmten roten Faden, auch da, wo von ihm auf den ersten Blick nur rote Schnipsel zu finden sind… Soll ich wirklich über eine Ente schreiben? Warum nicht, die Elche wurden ja auch schon lobend besprochen… Und während ich überlege, wie ich am originellsten aus der Ente einen Elefanten mache, dabei aber in Wahrheit die „Arabische Prinzessin“ bewerbe, fliegt der ortsansässige Reiher über den Schwanenteich am Augustusplatz. Enten, Reiher, Schwäne… Das Geflügel auf den Opernbühnen dieser Welt wird eindeutig unterschätzt! Wohlan Kolumne, nun hast du ein Thema:
Ist nicht die Nachtigall Inbegriff des natürlichen Singens schlechthin? Dicht gefolgt von der Lerche, die tariflich festgeschrieben, eher die Tagesschicht zu übernehmen hat – wie bekanntlich schon Romeo und Julia wussten. Jene filigranen Sängerkehlen, die virtuos und unermüdlich von Liebe, Lust und Leid singen und dabei noch im schönsten Multitasking Nester bauen, Nahrung jagen, Feinde vertreiben und die Brut aufziehen. – Nicht schlecht und sicher auch Vorbild für so manchen menschlichen Sängerkollegen!
Die Opernhäuser dieser Welt sind wahrlich ein Hor(s)t für die „schrägsten Vögel“, die extrovertiert, im schillernden Gewand, mit manierierter Attitüde das Rampenlicht suchen. Aber auch hinter den Kulissen, zur großen Freude aller Kollegen, finden beifallheischende „Eiertänze“ statt, die sich oft nur durch das Gesetz des Stärkeren beenden lassen. Geputzt und gebalzt wird hier, wie da… letzteres nimmt bei Frühlingsbeginn deutlich zu – also JETZT!
Unsere zwitschernden Freunde tauchen aber auch in den Opern selbst auf – als Figuren oder inhaltliche Motive. Und wie es der Zufall so will, zieht sich durch den Spielplan der Oper Leipzig wie ein roter Faden (endlich!) eine gefiederte Spur: Walther von Stolzing begeistert seit Beginn dieser Spielzeit sämtliche Meistersingern von Nürnberg mit seinem Gesang, weil ihm „der Schnabel so hold gewachsen“ ist. Auch die anderen Werke des Meisters Richard Wagner sind „gut gefedert“, so erheben sich Taube und Schwan als wichtige sinnstiftende Symbole im Bühnenweihfestspiel Parsifal, das am 22. April wiederaufgenommen wird. Während ihrer turbulenten Ritte „auf wonnigen Höhn“ machen die Walküren (Premiere 19. Juni) den Raben Wotans den Lebensraum streitig und sich selbst der Ruhestörung (Hojotoho!) schuldig! Als eines der schönsten Exemplare gefiederter Opernschnäbel warnt der Waldvogel den Helden Siegfried vor drohendem Unheil, das aber erst in der nächsten Spielzeit 2011/2012. Auch in „Peter und der Wolf“ hilft der Vogel, mittels Flötentönen dem kleinen Peter. Zwar gerät die Oboe in Schwierigkeiten – sprich: Ente in Not – aber pädagogisch wertvoll ist es allemal!
Nicht nur Enten, sondern auch Tauben leben gefährlich auf Opernbühnen. Glücklicherweise schießt der Jäger Max im „Freischütz“ (Premiere 7. Mai) knapp an diesem reinen Vogel vorbei, in Richtung seiner Braut Agathe – aber wirklich nur ganz knapp.
Mit Papageno haben wir endlich einen Menschen auf der Bühne, der den Wert der Vögel richtig zu schätzen weiß. Er spricht, singt und verdient seinen Lebensunterhalt mit dem lieben Federvieh und seine tägliche Jagd gleicht einer „Piep-Show“. Papageno ist von Kopf bis Fuß auf Vögel eingestellt und wünscht sich sogar ein „Täubchen“ als Weibchen. Das ist gelebte Vogelliebe, zu sehen in zweifache Ausführung – einmal in der „Zauberflöte“ auf der großen Bühne und im Kükenformat in „Papageno und die Zauberflöte“.
Und dieses gelbe, quietschende Schnatterwesen?? Jenes riesige Badeutensil, das freundlich grinsende Watschelwesen… was hat das alles mit der Märchenoper „Die arabischen Prinzessin“ (Premiere 20. Mai) zu tun? Handelt es sich um eine trojanische Ente oder enthält sie einen orientalischen Zaubergeist, der Wünsche erfüllen kann? Neugierig? Eine Antwort wird es an dieser Stelle nicht geben! Nur so viel: Die Ornithologie der Oper ist äußerst erforschenswert! Und wenn Sie das nächste Mal Ihre private Badeente zu Wasser lassen, dann singen Sie ihr mit voller Stimme etwas vor. Sie sind näher an einem Operngeschehen dran, als Sie glauben.
Ein Kommentar zu »Es quietscht und hat etwas mit Oper zu tun. Was ist das?«