
Fotos einer belebten Karriere!
Jennifer Porto: Wussten Sie immer, dass Sie Sängerin werden möchten?
Margarete Junghans: Das war bei mir ganz putzig! Meine Eltern waren Bauern. Durch den erzwungenen Eintritt in die LPG erkannten meine Eltern die Perspektivlosigkeit des Bauernberufes und waren also sehr offen dafür, dass ich nicht in ihre Fußstapfen trete. Und da ich schon als Kind eine schöne Stimme hatte, sagte meine Mutter kurzerhand, dass ich eben Sängerin werden sollte! Auch in der Schule wurde ich unterstützt, vor allem von meinem Musiklehrer, ich habe dort oft bei Veranstaltungen gesungen. Nun, und ohne ganz genau zu wissen, was mich erwarten wird, bin ich nach Leipzig gegangen um hier an der Hochschule zu studieren.
Haben Sie im Studium schon Ihre Leidenschaft für die Operette entdeckt?
Ja, unbedingt! Operette kannte ich von zu Hause! Wir hatten ein Radio, und wenn man das Radio aufdrehte, was kam? – Schlager oder Operette. Und Operette, das war leicht. Das war schön! Da hat man zugehört, und das kannte man. Andere Studierende wollten immer die großen Stimmfächer singen, und ich hab eben gesagt: „Ne, Operette ist doch wunderschön, genau das will ich machen.“ Außerdem ist die Spielfreude eine ganz andere als in der Oper. Ich kann mich bewegen, tanzen! – Das fand ich immer toll.
Im Studium drehte sich dann hier in Leipzig vieles um Bach. Zum Glück war aber einer meiner Lehrer, ein gewisser Herr Weit, der damaliger Leiter der MuKo. Er fand es schön, dass ich immer von Operetten schwärmte. Nun, letztlich hat er mich engagiert! So habe ich meine Karriere begonnen, als Operettensoubrette an der Musikalischen Komödie und genau dort werde ich meine Bühnenkarriere auch beenden. Das ist schon etwas sehr besonders für mich.

Als Cupido bei Orpheus in der Unterwelt!
Welche Tipps würden Sie aus Ihrer reichen Erfahrung heraus heute jungen Kolleginnen und Kollegen geben?
Man muss ehrgeizig sein. Man muss unheimlich flexibel sein. Es ist schwerer geworden heute, ganz anders als damals bei uns. Wir hatten unsere Stellen wirklich sicher! Als ich hier engagiert wurde, war klar, dass ich bis zu meiner Rente an diesem Haus bleiben kann. Das ist schön so, weil man dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechende Rollen erarbeiten kann, die das eigene Können zeigen, aber auch herausfordern. Meine zweite Rolle an der MuKo war der Cupido aus „Orpheus in der Unterwelt“, das ist eine klassische Soubrettenpartie für junge Sängerinnen. Zehn Jahre später habe ich im selben Stück die Diana gesungen, wieder 15 Jahre später die „Juno“ als „Komische Alte“! Wir hatten immer 15 oder 16 Stücke während einer Spielzeit im Repertoire. Natürlich wurde jeden Abend gespielt, im Monat kam jedes Stück zweimal. Das bringt viel Übung und Erfahrung, schließlich muss sich jeder Darsteller die Bühne selbst erarbeiten.
Das ist sicherlich auch sehr anstrengend gewesen!
Ja absolut! Die Stücke waren aber allesamt hervorragend probiert, so dass jeder Gang und jede Note sich letztlich doch in den Körper eingeschrieben hat! Es war eine Herausforderung, aber es ging gut. Ich habe mich in meinem ersten Vertrag für 110 Vorstellungen verpflichtet. 150 habe ich gemacht! Und so ging es eigentlich immer weiter. Es waren wunderbare Erfahrungen, die ich nicht missen möchte.

Hier zwar nicht als Wirtin, dafür aber als bezaubernde Ottilie im "weißen Rössl"
Sie haben 1974 an der MuKo angefangen, dann sind das bis heute ja über …
2000 Vorstellungen. Ja!
Haben Sie eigentlich eine Lieblingspartie?
Nicht direkt, aber ich hab mir immer gewünscht, dass ich die „Rössl“-Wirtin spielen darf. Und das ist
mir in Erfüllung gegangen.
An welche kuriosen Erlebnisse Ihres Theaterlebens denken Sie heute noch gerne zurück?
In den ersten Jahren meines Engagements haben wir „Die keusche Susanne“ gespielt. Da gibt es die Rolle der Rosa, das ist eine sächsische Tänzerin. Ich habe mich erst gegen diese Rolle gesträubt, das Sächsische lag mir nicht so sehr, das mochte ich nicht gerne sprechen. Heute finde ich ein leichtes Sächsisch im Übrigen sehr sympathisch! Es nütze damals aber nichts! – Also habe ich mich in die Straßenbahn gesetzt und den Leuten zugehört, wie sie sprechen und versucht es zu kopieren. Und es gab dann eine bestimmte Szene: Jemand fragt diese Rosa, die Tänzerin aus Sachsen, wo sie herkommt und sagt ihr, dass sie so einen schönen Dialekt hat! – Ich habe die Antwort während der Proben immer auf Hochdeutsch gegeben! Ich wollte mir den Spaß für die Premiere aufheben und habe dann im besten Sächsisch geantwortet: „Sie woll’n mich wohl verscheißern!“ – Die gesamte erste Reihe, samt Dirigent Roland Seiffarth, ging vor Lachen in die Knie. Das war schon kurios und witzig. Aber es lehrt auch etwas Entscheidendes über Theater: Man kann alles auf der Bühne sagen, wenn man es charmant sagt, das ist wichtig!
Wie hat sich Ihrer Meinung nach Theater im Laufe der Jahre verändert?
Nun, das kann ich nur aus meinem Gefühl heraus für die Operette sagen. Mich wundert heute ein gewisser Drang, zu allen Stücken neue Textbücher verfassen zu müssen. Regisseure und auch Dramaturgen sagen immer, dass man viele Stücke nicht mehr spielen kann, weil das Libretto nicht ins Heute passt. Dabei glaube ich, dass viele Operetten noch einen sehr aktuellen Zeitbezug haben! Zum Beispiel „Bettelstudent“: Wenn man den Text liest! – Diese Korruption! Das Schmieren! Mein Gott, das gibt es heute an jeder Ecke. Ich denke, das versteht man heute so gut als damals. Und ansonsten ist Theater immer in Veränderung begriffen, das liegt denke ich in seinem Wesen … Gerade von der Operette sagt man ja oft, dass sie veraltet sei. Und als ich angefangen habe, fragte ich mich, ob wir in 20Jahren noch ein volles Haus haben werden! Und nun? Nun bin ich schon 40 Jahre hier und das Publikum ist immer noch da! Wir sind ein voll ausgelastetes Haus. Das Publikum wächst nach, es gibt immer noch so viele Menschen, die Operette und Musical lieben, das freut mich natürlich sehr.
Was wünscht sich das heutige Publikum von Theater?
Ich glaube, dass man gerade in heutigen Zeiten einfach mal abschalten möchte! Einen schönen Abend haben … Das ist wichtig. Und natürlich hat sich das Theater – wie gesagt – auch verändert. Ich kann ja die Operette heute nicht so spielen, wie ich sie vor 15 Jahren gespielt habe. Es muss schon ein bisschen zeitgemäßen Fluss haben.

Margarete Junghans als Christel von der Post!
Gibt es in Ihrem langem Theaterleben eine Rolle, die sie besonders oft gespielt haben?
Unsere Inszenierungen liefen immer sehr lange. Wir haben mindestens über zwei, drei Spielzeiten ein Stück laufen lassen. Es waren so viele Rollen … Die schönsten Partien waren immer die, an denen man sehen konnte, wie man sich selber verändert hat. Ich habe die Christel von der Post aus Zellers „Vogelhändler“ zwei Mal spielen dürfen. Beim zweiten Mal war ich 38 oder 40 und wollte die Christel nicht mehr spielen. Ich habe mich zu alt dafür gefühlt. Meine Gesangslehrerin sagte aber, dass ich die Partie erst jetzt richtig schön singen könne. Und das war wirklich so. Da hat man einen ganz anderen Zugang zu der Rolle gefunden.
Die kleinen Ausflüge in die Oper waren auch sehr schön. In der „Zauberflöte“ habe ich mal gesungen!
Wie schön! Mit der „Zauberflöte“ habe ich debütiert und zwar als zweiter Knabe!
Ja! Genau den habe ich auch gesungen! Wir hatten damals eine ganz tolle Besetzung. Regina Werner als erster Knabe und Gisela Pohl als dritter! Sie war damals eine ganz bekannte Altistin. Wir drei waren die Knaben. Es war eine ganz tolle Inszenierung von Prof. Herz. Wir hatten wunderbare Fahrten in den Bühnenhimmel auf einer Gondel, das hat sehr viel Spaß gemacht.

Als Carla Schlumberger in der "Zirkusprinzessin" verabschiedet sich Frau Junghans von der Bühne.
Im November gehen Sie nun in den „Ruhestand“. Wie fühlen Sie sich?
Ich finde es gut, wenn das Publikum sagt „Schade, dass sie schon aufhört!“ – Viele meiner Kollegen sind mit 60 in Rente gegangen, ich verabschiede mich nun mit 62 von der Bühne.
Was wird Ihre letzte Vorstellung sein?
Die „Zirkusprinzessin“ am 27. November. Da gibt es einen schönen Bogen – von Anfang bis Ende: Der erste Satz den ich auf einer Theaterbühne gesagt habe, lautete: „Da bin ich!“ und der letzte lautet nun: „Der alte Herrgott, der meint es wirklich gut.“ Und ja, das kann ich genauso unterschreiben!