Oper
“Es geht um das Leben! Das geht uns alle an. “
Endlich ist er online: Der zweite Teil unseres großen Interviews mit Regisseurin Lotte de Beer. Dorothee Paul spricht mit der jungen Niederländerin über ihre Inszenierung und das Alter auf der Bühne. Premiere ist übrigens am kommenden Samstag, 25.02.2012 um 19 Uhr im Opernhaus!
> Oper Leipzig: Das Alter scheint in deiner Inszenierung eine Art „weise Kindlichkeit“: Wie genau bist du zu dieser Sicht auf das Altern gekommen
< Lotte de Beer: Durch meine Großmutter, der glücklichsten Frau die ich kenne! Sie spielt Jazzpiano und hat bis vor zwei Jahren noch Pumps getragen. Sie hat in ihrem Leben die Entscheidung getroffen: Ich will glücklich sein und deshalb bin ich es! Eine wirklich starke Frau. Bei einem Tennisspiel hat sie sich die Hüfte verletzt und musste operiert werden. Sie bekam die falschen Medikamente, fühle sich schlecht und geriet in eine Alterspsychose, aus der sie ein halbes Jahr lang nicht mehr rausgekommen ist. Jetzt geht es ihr gut, aber sie erzählte mir später, welche seltsamen Dinge sie sich imaginiert hat. Schlimmes genauso wie Gutes. Sie war auf einem Ball in einem großen Saal und hat getanzt … Ich selbst war verwundert über die Kraft der Fantasie. Sie hilft uns, zumindest für einen Moment, uns aus schlimmen Phasen heraus zudenken. Durch solche Erfahrungen kann man vielleicht auch im Alter sich selbst neu hinterfragen und Dinge wieder kindlich-naiv betrachten. Ich weiß letztlich nicht, ob es realistisch möglich ist, sich aus einer Neurose heraus einen ganzen Wald vorzustellen, sich selbst für ein Füchslein zu halten … ich wollte aber auch zeigen, dass nach außen absurd wirkende Vorstellung für den Empfindenden über alle Maßen tröstlich sein kann.
> Alter auf der Bühne zeigen: Wie zeigt man das?
< Man könnte nach Schauspielern oder Opernsängern ab 75 Jahren suchen. Aber wir haben viele Freiheiten durch die Besetzung junger Sänger für eine „alte“ Rolle. Denn im Theater steht das Spiel (nicht das sein!) und konklret hier, dass Märchenhafte im Vordergrund. Wenn man einen jungen Schauspieler hat, dann kann man noch eine Geschichte drüber spielen. Maske und Kostüme unterstützen dann zwar eine Illusion, aber es geht mir nicht um eine realistische Verkörperung. Die Proben überzeugen mich, weil die Darsteller die „Haltung“, den „Alterskörper“, sehr gut spielen, auch dank der choreografischen Unterstützung von Heike Hennig. Sie hat viele Tanz/Performance-Projekte mit Senioren gemacht und kann auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Das ist alles sehr berührend, das macht etwas mit der ganzen Seele – das ist sehr schön!
Man könnte auch sagen, dass sich die Darsteller mit einem „alten Denken“ – ins unreine gesprochen – auseinander gesetzt haben. Soll heißen: Verwunderung, Wiederholung, intensives Betrachten der Dinge, langsam denken, etwas richtig glauben und sofort wieder vergessen. Die alten Leute in meinem Stück zeigen Verhaltensmuster die an Demenz erinnern lassen.
> Wen möchtest du mit deiner Inszenierung erreichen?
< Eigentlich alle Altersgruppen, weil dieses Thema sowohl jung als auch alt betrifft. Es geht um das Leben! Das geht uns alle an. Jeder versteht schon früh, dass man auch sterben wird und dass man damit umgehen muss. Es wäre ganz schön, wenn auch ganz viele junge Leute dieses Stück sehen werden!
Zudem ist die Musik ist der Ausgangspunkt für meine Inszenierung. Darin wird schon das Wichtigste verhandelt. Mit dieser unmittelbaren Ebene lässt sich, denke ich, schnell akzeptieren, dass es eine neue Sichtweise auf „Das Schlaue Füchslein“ ist. Wir versuchen, das Wichtigste vom Stück offenzulegen. Und ich glaube, das kann man auf tausendfache Weise. Wir wollen es dem zeitgenössischen Publikum vereinfachen, durch diese Inszenierung auf den Kern des Stückes aufmerksam zu werden. Das kriegen wir auch hin.
> Danach wirst du „Waiting for Miss Monroe“ inszenieren. Vom Altenheim auf die Showtreppe?
< Es geht auch wieder um den Tod. Wir beleuchten die letzten drei Tage des Lebens von Marylin Monroe. Es geht um eine Frau, die in der Öffentlichkeit ein Star war, aber innerlich ein sehr einsames, unglückliches Kind, was einfach geliebt werden wollte, aber nie die richtige Liebe von ihren Eltern bekommen hat – ihren Zwiespalt zwischen Öffentlichkeit und innerer Gebrochenheit werde ich auf der Bühne zeigen.












