Oper
Vom suchen und finden des eigenen Ichs
Ich tue es! Andere tun es auch. Wir tun es: Social Networking. Der Welt mit einem kurzen Tweet “HALLO!” sagen. Zeigen, was ich gern hab. Auf Facebook kann mir alles gefallen: meine Lieblingsband, mein Lieblingsbuch, mein Lieblingsweichkäse aus dem Supermarkt meines Vertrauens und im Zweifel kann mir auch das Profil meiner Lieblingssupermarktweichkäse- verkäuferin gefallen. Und mal ehrlich, es macht Spaß sich heimlich durch die Profile der Freundes-Freunde zu klicken um zu schauen, wen man kennt oder schon mal gesehen hat. Facebook – wörtlich genommen: Gesichtsbuch! Gesichter sind anziehend. Wer ist das, der mich da anglotzt? Kenne ich ihn oder sie? Oh – bin das etwa ich? Die Faszination von Selbstbildern verlockt uns nicht nur im Internet. Manchmal sucht sie uns dort heim, wo wir sie am Wenigsten erwarten: Auf der Opernbühne.
Für die szenische Erstaufführung des DEUTSCHES MISERERE von Bertolt Brecht und Paul Dessau hat Bühnenbildner Dieter Richter einen riesigen „Erinnerungsraum“ geschaffen. Graue Wände. Raum – viel Raum, klare Linien. Höhe, eine unbeschreibliche Höhe. Vielleicht ein Bunker. Vielleicht ein zerstörter Prachtsaal. vVelleicht eine alte Mine. Und an den Wänden, da prangern sie. Gesichter. Augen. Münder. Nasen. Ohren. Hunderte – überall. Namenlos im Bühnengeschehen: Vermisste, Opfer, Täter. Aber hinter den Kulissen doch wohlbekannt. Alle MitarbeiterInnen der Oper waren aufgerufen sich für das MISERERE Bühnenbild fotografieren zu lassen. Vom Intendanten bis zum Praktikanten – alle pilgerten sie in das Studio von Opernfotograf Andreas Birkigt um sich mit schwarzer Wollmütze und groben Mantel ablichten zu lassen. Nun hängen sie an der Bühnenwand. Wird auch höchste Zeit – in knapp zwei Wochen feiert das DEUTSCHE MISERERE Premiere (11. Februar). Aber schon jetzt spielen sich heitere Szenen auf der Bühne ab: Da ist es nämlich wieder. Unser Facebook-Phänomen. Suchen wir nach Gesichter! wen kann man entdecken? – So schleichen immer wieder MitarbeiterInnen unschuldig über die Bühne, den Kopf nach links, nach rechts gedreht. Schauend, Suchend, Entdeckend. Man bleibt stehen, stutzt und lächelt. Dann hat man zumeist sein eigenes Foto entdeckt und ist erleichtert, dass man sich Selbst in den Massen an Gesichtern finden konnte. Nein, es ist nichts verloren. Wir halten weiter Ausschau, ob online oder auf der Bühne. Nach bekannten Gesichtern, nach fremden Gesichtern und mit unter auch nach unsern eigenen.
Suchen Sie mit! Sie haben in dieser Spielzeit vier Mal die Gelegenheit unser DEUTSCHES MISERERE zu sehen. Vielleicht erspähen Sie ja das Konterfei Ihres Lieblingssängers oder, wer weiß, ein bisher noch unbekanntes Gesicht, welches Sie danach unbedingt näher kennen lernen wollen. (pa.)