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Oper

Trailer zu ELEKTRA

Oper

Vaterlose Kriegsgesellschaft

Peter Konwitschny inszeniert Elektra.

Der Mythos kommt aus einer Zeit, die wir kaum kennen, die im Dunkel liegt. Aber die Leitmotive überdauern und sind für uns immer noch von Belang und bestimmen unser Leben. Homer singt uns diese Weisen und berichtet von Ursprünglichen. Er ist der Erste, der uns vom Schicksal der Familie des Agamemnon berichtet. Aischylos, Sophokles und Euripides erzählen später auch die Geschichte der rachsüchtigen Tochter Elektra. Genau wie heute noch Satre oder O’Neil. Auch Hofmannsthal greift diesen Mythos auf und erzählt ihn aus der ganz eigenen Sicht seines Jahrhunderts. Später vertonte R. Strauss diesen Text in einer bearbeiteten Version. Auch für den Regisseur Peter Konwitschny hat der Mythos nie etwas an Aktualität eingebüßt. Für ihn ist das Leitmotiv der Menschheit im Kriegszustand. Das ist die treibende Kraft des Mythos. Die Menschen dieses Stücks sind nur Schöpfungen des Krieges, und sie können nur weiter Krieg führen, gegen die eigene Familie oder andere Völker.

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Oper Leipzig, April 2011. Bühnenprobe. Man sieht die Königskinder mit ihrem heimgekehrten Vater Agamemnon spielen. Sie plantschen in der Badewanne, tauchen sich unter, bespritzen sich mit Wasser. Fragen den Vater über das stimmende Orchester hinweg nach dem Krieg, nach der Heimkehr. Sie wollen Heldengeschichten hören. Doch dieses Spiel ist nicht unschuldig, es ist – sie kennen es nicht anders – ein Kriegsspiel mit Kriegsschiffen und Pistolen. „Orest ist tot!“ schreit die zarte Chrysotemis, nach dem Orest und Elektra, die ihren Bruder immer übertrumpfen will, Hinrichtung gespielt haben. Am Ende dieses Vorspiels müssen die Kinder mit anschauen, wie ihre Mutter und Aegisth den Vater mit einem Beil erschlagen und mit dem langgezogenen Schrei der kleinen Elektra setzt das Orchester wirkungsmächtig ein. Die Spiegelwand öffnet sich und zwischen den Spiegelwänden sehen wir eine Designercouchgarnitur und im Hintergrund läuft vor einem sich verdunkelndem Himmel ein Digitaluhr rückwärts. Alles wirkt ordentlich, die Designercouch vermittelt Prestige und ein perfektes, stilbewusstes und tadelloses Leben. Doch die Putzkräfte müssen wieder Blut aufwischen, der nächste Schluck Alkohol ist nie weit und man erkennt, dass diese Gemeinschaft von Maden zerfressen ist: Ein falsches Wort kostet das Leben und die Herrschenden regieren mit Angst und Repressalien, die Königin Klytämnestra führt einen Polizeistaat und Aegisth wandert angsterfüllt durch die Gänge und schreit nach Licht. Alle in diesem Haus sind Opfer und Täter von Krieg und Gewalt. Chrysotemis fühlt sich ad absurdum geführt, denn ihre Vorstellung von einer Frau, ihr Wunsch nach Kindern, nach einem „Weiberschicksal“, scheint in dieser Gesellschaft schlichtweg nicht möglich zu sein. Als Chrysotemis Elektra von ihren Wünschen erzählt, bröckelt ihre harte Fassade und es zeigt sich eine differenziertere, auch weiche Frau. Elektras Leben wird bestimmt durch das einschneidende Erlebnis, als sie zusehen musste, wie ihr Vater erschlagen wird. Seit sie das mit ansehen musste, hebt sie in morbider Eigenart den Leichnam ihres Vaters auf und der Wunsch nach Rache bestimmt ihr Leben. Die Axt, die mit dem Blut Agamemnons benetzt ist, ist beinahe ständig in ihren Händen. So ist es eine Erlösung für sie, wenn Orest erscheint, denn nur er kann die ersehnte Rache vollführen. So will es die Gesellschaft und auch der tote Vater mahnt Elektra sich zurückzuhalten. Doch auch Orest ist nur ein getriebener, wagt es kaum seiner Mutter entgegenzutreten, denn er will sie nicht töten. Es ist jedoch seine Pflicht. Konwitschny sieht den rache-nehmenden Sohn als Schüler einer extremen Ideologieschule, wo er dazu ausgebildet wurde durch Gewalt eine neue Gesellschaft zu formen. An diesem Punkt erreicht die Uhr, die seit Beginn unerbittlich ablief, ihren Nullpunkt und ein Zitat aus Heiner Müllers Hamletmaschine überblendet das Freudenfeuerwerk und berichtet vom Hass der Elektra: Sie spricht „aus dem Herzen der Finsternis“ und droht „die Welt zwischen ihren Schenkeln zu ersticken“. Mit dem Nullpunkt der Uhr ist auch das Ende einer Gesellschaft erreicht. Das Matriarchat wird vom Patriarchat abgelöst. Mit dem Tod der Klytämnestra beginnt eine neue Zeit und die Uhr läuft nun in rasender Geschwindigkeit vorwärts. Zwischen dem Knallen des Feuerwerks hört man das Rattern der Maschinengewehre, die alle erschießen, auch Elektra. Denn die Sieger wollen keine Zeugen – die Wahrheit könnte sie gefährden. So endet der Todestanz der Elektra und die Spirale von Krieg und Gewalt setzt sich fort.

(Text: Thilo Körting)

Oper

„Menschen am Rande ihrer Existenz“

Die Werkstatt zu „Elektra“ gab interessiertem Publikum spannende Einblicke in Richard Strauss’ Werk und die Inszenierungskonzeption von Peter Kontwitschny. Generalmusikdirektor und designierter Intendant Ulf Schirmer plauderte mit Chefdramaturgin Bettina Bartz über den unglaublichen Klangkörper dieser Ausnahmekomposition.

li. Elektra (Janice Baird), re. Klytämnestra (Doris Soffel)

Man merkt: Ulf Schirmer hat Leidenschaft für die Musik, Leidenschaft für Theater. Er sitzt am Klavier und erklärt dem Werkstatt- publikum klar und verständlich komplexe Kompositionstechniken. Er spricht über die Bedeutung von Tonartensymbolik bei Strauss. Er spielt E-Dur, diese Tonart steht für eine transzendente Liebe, die in dieser Bedeutung eine lange musikalische Tradition hat. Dann D-Moll, das hat eine archaische Wucht – das findet man schon in der griechischen Antike, zieht sich über die Kirchenmusik bis hin und zu Gluck, Mozart, schließlich Wagner und Strauss. Zwei Jahrtausende Musikgeschichte in wenigen, präzisen Sätzen. Ulf Schirmer hält inne und lächelt. „Bremsen Sie mich“, sagt er zu Bettina Bartz, „wenn ich in Feuer komme mit der Musik, dann kann ich manchmal nicht mehr aufhören.“ Uud ja: Bei Strauss gerät Schirmer wirklich in Feuer – im besten Sinne.
Der Komponist begleitet den GMD der Oper Leipzig schon seid seiner Jungend. Dabei galt Strauss seiner Zeit als eine Art „bürgerlicher Luxuskomponist“ – seine Musik galt als ideologisch belastet. Gerade die Rezeption durch Adorno belegte das Werk mit Vorurteilen. Daher, so Schirmer, habe er sich Strauss mit Vorbehalt und Vorsicht genährt. Die Vorsicht ergibt sich vor allem aus der „Riesenhaftigkeit seines Werkes“ und der Komplexität seiner Partituren. „Dabei“, sagt Ulf Schirmer, „führt seine Musik die Figuren immer wieder an den Rand ihrer Existenz, sie drohen alle in Hysterie zu verfallen“. Strauss muss intuitiv verstanden haben, dass das Hofmannsthalsche „Elektra“-Libretto von Freund und G.C. Jung beeinflusst ist. Während es im eigentlichen Mythos um archaische Machtkämpfe ging, um das Verhältnis zwischen Göttern und Menschen, konzentriert sich Hofmannsthal nun auf die komplexe Darstellung einzelner Figuren in Bezug auf die ersten Thesen und Ergebnisse der modernen Psychoanalyse. Ein textliches wie musikalisches Motiv ist hierbei die Spaltung, das schizophrene Moment welches dem Atriden-Fluch anhängt. Musikalisch wird das durch Tonartenüberlagerungen deutlich, die Dissonanzen ergeben. Die „musikalische Spaltung“ ist dabei radikal, sie wird nicht aufgelöst. Es gibt keine Heilung, keine Katharsis für diese Familie – es ist die Wiederkehr des Immergleichen. Und das ist, so der Generalmusikdirektor, auch das besonders Fürchterliche an der Oper: Sie hört einfach auf. Und wir stehen wieder alleine da. Ohne Hoffnung auf Erlösung. Aber, interveniert Bettina Bartz, Regisseur Peter Konwitschny betont immer, dass man gerade deshalb diese Opern spielen muss. Durch die Ausweglosigkeit auf der Bühne soll der Zuschauer aktiviert werden, solche fürchterlichen Verhältnisse in der eigenen Gesellschaft nicht hinzunehmen. Das ist allerdings ein wichtiger Punkt, nickte auch Ulf Schirmer und stimme vorbehaltlos zu.  (pa.)